Besinnung auf „unsere Werte“
Günter Scholz, Werte, Haltungen, Handlungen. Die Besinnung auf „unsere Werte“ als Grundlage einer wertebasierten Haltung und einer entsprechenden Handlungsorientierung, Zeitdiagnosen Bd. 83, LIT Verlag Berin/Münster 2025, 158 S., ISBN 978-3-643-25223-4 (br.), ISBN 978-3-643-45223-8 (PDF)
Die Rede von „Werten“, „Wertegemeinschaft“, „unseren Werten“ in Gesellschaft und Politik der westlichen Welt ist Legion. Aber was ist mit diesen inzwischen fast inflationär gebrauchten Vokabeln gemeint? Danach fragt PD Dr. theol. habil. Günter Scholz, Jg. 1947, und Pastor der Hannoverschen Landeskirche in einer anspruchsvollen Monographie.
I
„Werte wollen in der Haltung dargestellt und in Haltungsweisen gelebt werden“, so der Autor im Vorwort, darum ist ihm der „lebenspraktische(n) Bezug“ wichtig, „in dem sich Wahrheit und Gültigkeit der Werte erweisen“ (S. 2). Der im Neuen Testament Promovierte (1981) und in Bielefeld und Lüneburg Religionsdidaktik Lehrende begibt sich damit in den Fachbereich der systematischen Theologie und verbindet seine Studie mit wertephilosophischen Überlegungen, indem er an Nicolai Hartmanns[1] grundlegender und die damals noch junge Werteforschung aufnehmende „Ethik“ (Berlin 1926 [41962])[2] anknüpft, aber nicht darauf verzichtet, auf die Bibel „zurückzugreifen“ (S. 1f.). Ein Blick in seine jüngsten Publikationen erweist sein forsch(end)es, Menschen- und Gottesbild(er) reflektierendes Fragen nach einerAnthropologie und Ethik der „Menschlichkeit“.[3] Mit seinem Beitrag wendet sich Vf. an alle für „Wertfragen“ Interessierte, und er betont, dass seine Abhandlung „ein, speziell mein Zugang zur Wertefrage“ sei und „zum Weiterdenken und Weitersuchen, in Zustimmung und Widerspruch“ anregen möge (S. 2).
II
Im Hauptteil seiner Ausführungen (S. 35-150) unterscheidet Günter Scholz anhand theologischer und philosophischer sowie literarischer Belegtexte zwölf grundlegende (und drei abgeleitete Werte, die mehrere Handlungsoptionen ermöglichen, und beschreibt sie in ihrer Relationalität. Zu den (in subjektiver Fokussierung zusammengestellten) zwölf grundlegenden Werten zählt der Autor: Leben und (dazu relational) Menschenwürde – Selbstbestimmung und Selbstgestaltung – Freiheit und Verantwortung – Gleichheit und Freiheit – Solidarität und Toleranz – Frieden und Besonnenheit – Identität und Verständigung – Gerechtigkeit und Barmherzigkeit – Kreativität und Achtsamkeit – Wahrheit und Liebe – Liebe und Achtung – Glaube und Tat mit Vernunft. Als die drei abgeleitete Werte nennt Vf.: Arbeit – Eigentum – Bildung), diese Werte „zweiter Ordnung“ sind „Mittel zum Zweck der Wahrnehmung eines absoluten Wertes“; zu den absoluten Werten gehören die genannten zwölf grundlegenden Werte, die Werte „an sich“ sind und sich darum „durch unableitbares Gegebensein“ auszeichnen (S. 133). Der Autor verbindet modellhaft drei Aspekte: „Wert“ als grundlegende Theorie und ethische Zielorientierung – „Haltung“ als Verinnerlichung – „Handlung“ als lebenspraktische Konsequenz.
III
Dem Hauptteil des 7-teiligen Opus (S. 35-150) gehen Einblicke in Nicolai Hartmanns Ethik (S. 3-13), in Andreas Urs Sommers Werteüberlegungen[4] (S. 15-24) sowie in Maja Göpels[5] Wertekompass (S. 25-33) voraus, und es folgt als „Offenes Ende“ (S. 151) ein Hinweis des Autors auf die „Offenheit“ seiner „Besinnung“, „weil die Findung von Werten keineswegs als abgeschlossen gelten kann“; ein Literaturverzeichnis schließt sich an (S. 153-157).
Anmerkung des Rez.: Auf der Suche nach äquivalenten Vokabeln für unsere dt. Worte „Wert“/„wert sein“ finde ich in der Hebräischen Bibel (AT) das Verb JaKaR, das „kostbar“/„wertvoll sein“ übersetzt werden kann, so dankt in 1 Sam 26,21 König Saul seinem späteren Nachfolger David, der ihn verschonte: „weil mein Leben heute in deinen Augen kostbar/wertvoll gewesen ist“; in Jes 43,4 spricht JHWH zu Jakob/Israel: „weil du in meinen Augen so kostbar/wert geachtet bist“; das Nomen MaeKaeR, bezeichnet eine zum Verkauf bestimmte Ware, auch den Kaufpreis und damit einen Wert; und das Adjektiv tob bedeutet „gut“/„schön“/„wertvoll“. Im NT finde ich z. B. die Adjektive axios und hikanos, so ist in Lk 7,4 von den mit dem Hauptmann von Kapernaum Mitfühlenden und sich mit ihm an Jesus Wendenden zu hören: „Er ist würdig/ist es wert/axios/lat. dignus, dass du ihm die Bitte erfüllst“, seinen „ihm lieben/kostbaren/liebenswerten“/entimos/lat. pretiosus (Lk 7,2) kranken Knecht zu heilen, und in Lk 7,6 lässt der Hauptmann dem herbeieilenden Jesus sagen: „…ich bin nicht wert/hikanos/lat. dignus, dass du unter mein Dach gehst“. Vielleicht können im aktuellen Wertediskurs die biblischen Äquivalente Impulse zu sprachlichen Differenzierungen und Varianten geben, um ein viel gebrauchtes und nicht wenig strapaziertes Wort vor dem „Wertverfall“ und Missbrauch (ich erinnere an die Menschen verachtende Vokabel „lebensunwert") zu bewahren.
Fazit
Ein empfehlens„wertes“, gut lesbares Buch, für das dem Autor, der das Gespräch um „unsere Werte“ und „nach Wegen zur Verwirklichung“ (S. 47) sucht, zu danken ist und ihm in Gesellschaft und Kirche, in akademischen wie auch nichtakademischen Kreisen, aufmerksame Leserinnen und Leser wünscht.
[1] Paul Nicolai Hartmann (1882-1950), Professor für Philosophie in Berlin und Göttingen.
[2] Vgl. Gerd Theissen, Freigelassene der Schöpfung. Religiöse und rationale Motive in der biblischen Ethik, WUNT 518, Tübingen 2024: 117-120 „Wertehimmel und materiale Wertethik“ (zu Nicolai Hartmann).
[3] Günter Scholz, Christliche Ethik zwischen Autonomie und Gottesbezug. Zur Begründung einer Ethik der Menschlichkeit, in: ZEE 67/2023, 89-101; Ders., Sauls Philisterkriege. Literarische Schichtung, Gottesbild und Ethik, in: ThGI 113/2023, 47-68; Ders., Von Gewalt zur Gewaltüberwindung in der Bibel. Theologische, anthropologische und ethische Aspekte, Göttingen 2021 (Rezension von Heinz Janssen, in: Badische Pfarrvereinsblätter. Mitteilungsblatt des, Evangelischen Pfarrvereins in Baden e. V., 4/2024, 159-163, und in: DtPfrbl. 124. Jg., 2024, online: https://www.pfarrerverband.de).
[4] Andreas Urs Sommer (geb. 1972, Professor für Philosophie in Freiburg i. Br.), Werte. Warum man sie braucht, obwohl sie es nicht gibt, Stuttgart 2016.
[5] Maja Göpel (geb. 1976, Politökonomin, Honorarprofessorin in Lüneburg), Werte. Ein Kompass für die Zukunft, Wien 32025.
Dr. theol. Heinz Janssen, 10. April 2026.