"Sei sehend..."
Lebensentscheidende Begegnung
| Predigttext | Lukas 18,31-43 (mit Einführung) |
|---|---|
| Kirche / Ort: | 66989 Nünschweiler |
| Datum: | 15.02.2026 |
| Kirchenjahr: | Estomihi |
| Autor: | Pfarrerin Anke Andrea Rheinheimer |
Predigttext: Lukas 18,31-43 (Übersetzung nach Martin Luther, Revision 2017)
Die dritte Ankündigung von Jesu Leiden und Auferstehung
31 Er nahm aber zu sich die Zwölf und sprach zu ihnen: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn. 32 Denn er wird überantwortet werden den Heiden, und er wird verspottet und misshandelt und angespien werden, 33 und sie werden ihn geißeln und töten; und am dritten Tage wird er auferstehen. 34 Sie aber verstanden nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie begriffen nicht, was damit gesagt war.
Die Heilung eines Blinden bei Jericho
35 Es geschah aber, als er in die Nähe von Jericho kam, da saß ein Blinder am Wege und bettelte. 36 Als er aber die Menge hörte, die vorbeiging, forschte er, was das wäre. 37 Da verkündeten sie ihm, Jesus von Nazareth gehe vorüber. 38 Und er rief: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! 39 Die aber vornean gingen, fuhren ihn an, er sollte schweigen. Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner! 40 Jesus aber blieb stehen und befahl, ihn zu sich zu führen. Als er aber näher kam, fragte er ihn: 41 Was willst du, dass ich für dich tun soll? Er sprach: Herr, dass ich sehen kann. 42 Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen. 43 Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach und pries Gott. Und alles Volk, das es sah, lobte Gott.
Exegetische und homiletische Vorbemerkungen
Am Sonntag vor der Passionszeit begegnet uns nach der Perikopenordnung ein Doppeltext, der sich rein äußerlich aus zwei sehr unterschiedlichen Textteilen zusammensetzt: die dritte Leidensankündigung bei Lukas und die Wundergeschichte von der Heilung eines blinden Bettlers in Jericho.
Die innere Brücke zwischen den beiden Textteilen liegt in der verwendeten Metaphorik von Sehen und Blindheit, Unverständnis und begreifendem Verstehen. Da sind auf der einen Seite die unverständigen, „blinden“ Jünger, die mit der Voraussage von Jesu Leiden nichts anfangen können; und da ist bei Lukas gleich danach der blinde Bettler, der „sehenden Herzens“ in Jesus von Nazareth den verheißenen Davidsohn erkennt und ihm mit offenen Augen nachfolgt. Er sieht nicht und sieht eigentlich doch mehr, von innen heraus, als die umstehenden Sehenden.
In dieser Spannung bewegt sich auch meine Predigt. Die Heilung des Blinden, die Wendung seiner im wahrsten Sinne des Wortes „aussichtslosen“ Situation, geschieht zeichenhaft, damit auch die unverständigen Jünger und die beobachtende Menge versteht und begreift, welchen Weg Gott mit Jesus geht. Es ist ein Weg, zu dem auch das Leiden auf dem Weg zur Verherrlichung dazugehört, sozusagen der letzte „Akt“ in seinem Erdenleben, Schauplatz Jerusalem: die Überantwortung an die römische Soldateska, der Spott und die Misshandlung, schließlich seine Geißelung und Tötung; hernach aber seine Auferstehung am dritten Tag.
Für den Evangelisten Lukas gehören Passion und Ostern, Jesu Leiden und Auferstehung, unauflöslich zusammen und bilden eine Einheit, wofür die Jünger in diesem Moment noch blind sind. So auch der Exeget Klaus Berger: „…wird in 18,34 dieses Geschehen als ein vor den Augen und Herzen der Jünger verborgenes Geheimnis dargestellt. Bei Lukas findet sich mithin eine eigene Form des christologischen Geheimnisses, nämlich das Leidensgeheimnis Jesu“. (Berger, Kommentar zum Neuen Testament, S. 287).
Ausgehend von der Lebenswendung des Blinden in Jericho, ebenfalls einer Leidensgestalt, deren Schicksal sich wendet, als er von Jesus gefragt wird: „Was willst du, dass ich für dich tun soll?“, wird die Predigt gerahmt von der Frage nach unserem größten Wunsch für unser eigenes Leben, unserer innersten, tiefsten Lebenssehnsucht, die wir kaum auszusprechen wagen. In der Bibelgeschichte bricht dagegen der Schrei nach Heilung aus dem blinden Mann förmlich heraus, als er Jesus begegnet.
Liturgische Hinweise:
Wochenspruch
Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn. Lukas 18,31
Wochenpsalm
Psalm 31,2–6.8–9.16–17
Lesung
Amos 5,21–24 Epistel: 1. Kor 13,1–13
Lieder
Mir ist Erbarmung widerfahren (EG 355) Dass du mich einstimmen lässt in deinen Jubel (EG 597, Anhang Baden, Elsass und Lothringen, Pfalz) Wir gehn hinauf nach Jerusalem (EG.E 3, Wochenlied 2)
Literatur
Berger, Klaus, Kommentar zum neuen Testament, Gütersloh, 2. Auflage 2012 Kraus, Wolfgang/Tilly, Michael/Töllner, Axel (Hrsg.), Das Neue Testament – jüdisch erklärt, Stuttgart 2021